July 22, 2019

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„Der Realität ins Auge sehen“

Gescher - Was Unternehmer tun müssen, um die Digitalisierung zu meistern, wer die Zukunft nachhaltig verändert und was die Kehrseite der Medaille ist, das erklärte Bestseller-Autor Christoph Keese gestern (8. Mai 2019) den rund 400 Gästen bei der achten Auflage von „Wirtschaft trifft“, organisiert von Wirtschaft aktuell und der Sparkasse Westmünsterland. Im Neubau der Firma Sicon in Gescher stellte sich der Unternehmer und Digitalisierungsexperte den Fragen von Wirtschaft-aktuell-Redaktionsleiter Michael Terhörst.

Begrüßten rund 400 Gäste zu „Wirtschaft trifft“ (von links): Ralph Woschny (Wirtschaft aktuell), Edgar Hornhues (Sicon), Michael Terhörst (Wirtschaft aktuell), Christoph Keese und Heinrich-Georg Krumme (Sparkasse Westmünsterland)
Foto: Wittenberg

Keese machte deutlich, dass Pessimismus die falsche Art ist, um den digitalen Veränderungen entgegenzusehen. „Wir sollten der Digitalisierung mit Optimismus aus einem Gefühl der Angst heraus begegnen“, betonte der Bestseller-Autor. „Wichtig ist, dass wir der Realität ins Auge sehen und uns mit dem Thema auseinandersetzen. Wir wissen nicht, wie viele Berufe durch die Digitalisierung verschwinden werden. Sicher ist wohl nur, dass die Regel ,Bildung schützt vor Arbeitslosigkeit` künftig keine Gültigkeit mehr hat“, erklärte Keese. Welcher Beruf von der Digitalisierung überhaupt nicht bedroht sei? „Massagetherapeut“, lautete die Antwort des Experten. „Denn den menschlichen Kontakt kann eine Maschine nicht ersetzen.“

Was Unternehmen tun müssen, um mit der Digitalisierung Schritt zu halten, erklärte Keese am Beispiel der zehn bestbewerteten Unternehmen weltweit. „Sieben dieser Unternehmen sind b2c, also business to customer-Plattformen wie Google. Unter diesen Plattformen ist kein deutsches, auch kein europäisches Unternehmen. Das Rennen um b2c-Plattformen ist für uns also fast verloren. Großes Potenzial gibt es allerdings bei den sogenannten b2b, also business to business-Plattformen, da es solche Unternehmen quasi noch nicht gibt. Anders als bei b2c-Plattformen haben wir es bei b2b-Plattformen mit vielen Wertschöpfungsstufen zu tun. Deutschland hat auf dieser Ebene in jeder Branche eine große Chance dank seiner Produktionsstärke. Gedanken machen müssen wir uns um die Branchen, die wir noch gar nicht haben, zum Beispiel im Bereich der Künstlichen Intelligenz.“

Potenzial gibt es also. Wichtig für die Unternehmen sei es, sich selbst neu zu erfinden, bevor es jemand anderes für sie tut. „Unternehmer müssen sich die Frage stellen, ob es Leute von außen gibt, die ihr Geschäftsmodell disruptieren, also abschaffen wollen. Anders als das Unternehmen selbst haben diese Leute noch kein Produkt, das sie am Markt verteidigen müssen. Für sie ist es sehr viel einfacher, Veränderungen durchzusetzen. Sie sind die Disruptoren.“ In vielen Fällen kommen die Disruptoren nicht aus der Branche selbst, sondern von außerhalb. Als Beispiel nannte Keese Google und Facebook, die die Medienlandschaft völlig verändert haben, obwohl deren Gründer nie in der Medienbranche gearbeitet haben. „Wer das verhindern will, muss sein eigenes Geschäftsmodell disruptieren. Das ist zwar schmerzhaft, aber notwendig, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein“, machte Keese klar. Notwendig sei dabei vor allem, den Disruptionspunkt zu erkennen. Wie das geht, erklärte der Axel-Springer-Mann ebenfalls: Der Disruptor muss herausfinden, was den Kunden nervt. Wenn er das weiß, kann er mit neuen Methoden versuchen, den Wunsch des Kunden umzusetzen und Prozesse zu vereinfachen. Die zweite wichtige Bedingung dabei ist ein geringer Investitionsaufwand.

Mittelständische Unternehmen haben laut Keese einen Vorteil in diesem Prozess, weil sie kleiner und damit agiler als Großunternehmen sind. „Sie können eine verhärtete Marktsituation aufbrechen und den Weltmarkt erobern. Außerdem ist es durch die Digitalisierung möglich, ins Ausland zu expandieren, ohne dort einen einzigen Mitarbeiter zu positionieren“, verdeutlichte Keese den anwesenden Unternehmern. „Das sind traumhafte Zeiten für Mittelständler.“

Für die Unternehmensführung sei es allerdings wichtig, ihr Führungsverhalten zu verändern. „Kein einzelner Mensch kann abschätzen, wie die Digitalisierung im eigenen Unternehmen wirken wird. Deshalb ist es wichtig, dass Führungskräfte ehrlich zugeben, dass sie selbst nicht wissen, wie es weitergeht. Sie müssen bereit sein, die Verantwortung zu übernehmen und trotz der ungewissen Zukunft Stärke zu zeigen.

Keese plädierte ebenfalls dafür, sich nicht zu sehr vom Datenschutz einschränken zu lassen. „Ich bin sehr für die DSGVO (A. d. Red.: Datenschutzgrundverordnung), weil sie einen einheitlichen Markt in Europa schafft. Manchmal sollten wir uns allerdings fragen, ob wir es mit dem Datenschutz nicht ein wenig übertreiben. Die Aufgabe des Unternehmers ist es, das Risiko zu kennen – und es einzugehen.“

Für Keese ganz persönlich ist die größte Errungenschaft der Digitalisierung die Vernetzung der Menschen untereinander. Wichtig sei allerdings, dass sich auch jeder Einzelne mit den Prozessen der Digitalisierung befasst. „Digitalisierung ist kein Glücksgeschenk der Götter. Der Mensch muss selbst mitgestalten, sonst wird das ein böses Ende nehmen“, prognostizierte Keese. Auch auf politischer Ebene bestehe dringender Handlungsbedarf: „Der Staat muss seiner Verantwortlichkeit nachkommen und sich endlich um seine Digitalisierung kümmern. Sonst droht eine Privatisierung vieler Dienste, die zurzeit die öffentliche Hand steuert. Das würde zu sozialer Ungleichheit und damit zu Ungerechtigkeit führen“, warnte Keese deutlich im Interview mit Terhörst.

Die Gastgeber blickten am Ende des Abends zufrieden auf die Veranstaltung: „Das Thema Digitalisierung ist in aller Munde und bei Unternehmern der Region sehr gefragt. Die hohe Zahl der Gäste und die enorm positive Resonanz haben das bestätigt. Wir haben mit der Veranstaltung den Nerv der Zeit getroffen“, freute sich Ralph Woschny, Geschäftsführer des Wirtschaft aktuell-Verlags. Heinrich-Georg Krumme, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Westmünsterland, ergänzte: „Die Digitalisierung ist ein Abenteuer, wir brauchen Strategien und Ziele, um ihr zu begegnen. Die Meinungen und Erklärungen von Christoph Keese, brachten einen echten Mehrwert für uns und unsere Gäste aus dem Westmünsterland.“  

Von der Theorie in die Praxis:
Digitalisierung zum Anfassen gab es bei „Wirtschaft trifft“ im Anschluss an das Interview mit Christoph Keese: Die ISAP Group – langjähriger Kooperationspartner des Wirtschaft-aktuell-Verlags – zeigte bei einer Expo im Rahmen der Veranstaltung ganz praktisch, wie Unternehmensprozesse mithilfe verschiedener Technologien digitalisiert werden können. Das Team des Lösungsanbieters für die Digitalisierung von Fertigungsprozessen und innovativen IT-Services aus Herne zeigte den Gästen zum Beispiel, wie mit einem 3D-Scanner physisch-analoge Modelle, wie beispielsweise Ersatzteile für eine Maschine, erfasst, optimiert und in ein digitales Modell umgewandelt werden, das anschließend per 3D-Drucker erstellt wird.

Mithilfe der Virtual-Reality (VR) konnten die Besucher außerdem in eine komplette 3D-Welt eintauchen. „Dazu haben wir einen virtuellen Besprechungsraum in den Bergen von Kapstadt entworfen, in dem die Teilnehmer mit einer VR-Brille miteinander agieren und Dokumente austauschen konnten – unabhängig davon, an welchem Ort sie eigentlich wirklich sind“, erklärte Daniel Drissler, Bereichsleiter Business Development bei der ISAP. Auch ein Mammut konnten die Gäste mit der VR-Brille mitten in der Produktionshalle bei Sicon begutachten.

Digitalisierung live erleben konnten die Besucher auch mit der Augmented-Reality-Technik, die die reale Welt um digitale Informationen und Bilder anreichert – zum Beispiel für die Montage von Möbeln oder Maschinen. Die Technik schließt so die Lücke zwischen der digitalen und physischen Welt. „Per Brille oder App werden mit der Augmented Reality beispielsweise die passenden Schrauben und Werkzeuge angezeigt. Montagefehler lassen sich so einfach vermeiden“, erläuterte Drissler.

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Von Julia Schwietering Donnerstag, 9. Mai 2019
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